Abwasser mit Energieüberschuss

2014 war es soweit. Was man seit rund 40 Jahren vorhatte, wurde Realität: Die energetische Selbstversorgung von Jenas Zentralkläranlage. Was wenig spektakulär klingt, ist ein Meilenstein: Die Kläranlage reinigt das Abwasser von 105.000 Einwohnern, sowie die Abwässer von Gewerbe, Industrie und sonstigen Einrichtungen, die weiteren 100.000 Einwohnern entsprechen. Alles in allem sind das rund sechs Millionen Kubikmeter Abwasser pro Jahr! Was früher lästig war, ist heute ein Segen: Das Abwasser liefert genug Energie, um den Prozess aufrecht zu erhalten. „An guten Tagen entsteht sogar ein Energieüberschuss“, sagt Werner Waschina, Bereichsleiter Abwasser bei den Stadtwerken Jena.

Bis dahin war es ein weiter Weg. Die Anlage ging 1976 in Betrieb. Sie wurde damals für 300.000 Einwohner ausgelegt. Schon seinerzeit gab es den Plan, die Anlage so zu entwerfen, dass sie sich energetisch selbstversorgt. „Auf dem Reißbrett war das schon vorgedacht“, sagt Waschina. Doch das ließ die damals herrschende Mangelwirtschaft nicht zu. Und so entstand eine Anlage mit offenen Faulbehältern – was nicht nur für übel riechende Luft sorgte, sondern auch dafür, dass wertvolles Faulgas in die Umwelt entwich. „Entsprechend hoch war der Energiebedarf der Anlage: rund zwei Millionen Kilowattstunden pro Jahr“, sagt Waschina. Hier muss sich was ändern

100 Prozent Selbstversorger

Zentralkläranlage der Stadt JenaNach der Wende war klar: hier muss sich was ändern. Zwischen 1998 und 2001 wurde die Anlage deshalb dem Stand der Technik und dem verringerten Abwasseraufkommen angepasst. Die Kapazität der Anlage wurde auf 145.000 sogenannte Einwohnergleichwerte verkleinert. In diesem Zuge wurden endlich die geschlossenen Faulbehälter errichtet – und das Gas aufgefangen. Fortan konnten fast Dreiviertel der benötigten Energie selbst produziert werden. „Wir haben uns dann ein ehrgeiziges Ziel gesteckt“, erinnert sich Waschina: „Jetzt wollen wir die 100 Prozent schaffen.“

2014 wurde abermals modernisiert. Diesmal kamen die Antriebsaggregate auf den Prüfstand. Es zeigte sich: Viele der veralteten Maschinen müssen raus. „Bei der Neuanschaffung haben wir in erster Linie auf Energieeffizienz geschaut, weniger auf den Preis. Wenn ein Motor weniger verbraucht, ist das auf lange Sicht die wirtschaftlichere Anschaffung“, sagt Waschina. Im Vordergrund stand die Belüftung der sogenannten Belebungsbecken. Darin befreien Mikroorganismen das Abwasser von organischen Verunreinigungen. Damit die Organismen fleißig arbeiten können, brauchen sie vor allem eines: Luft zum Atmen. Die wird von großen Kompressoren erzeugt und über Rohrleitungen in die Becken gepustet. Durch den bloßen Tausch gegen moderne Maschinen konnte hier ein enormer Effizienzsprung erreicht werden.

Sauberes Wasser für die Saale

„Der Einsatz und  das in die Hand genommene Geld haben sich gelohnt“, freut sich Werner Waschina. Zum einen konnte der Energieverbrauch des Klärwerks trotz Kapazitätssteigerung massiv gesenkt werden. Zum anderen wurden die Mühen durch einen Förderpreis des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit gewürdigt.

Natürlich profitieren auch die Bürgerinnen und Bürger in und um Jena von  den Maßnahmen: Die Anlage sorgt wesentlich mit dafür, dass die ehemals schwer belastete Saale in der Region wieder sauber ist. Damit das auch so bleibt, ruhen sich Waschina und seine Kollegen nicht  aus. Sie denken schon an den nächsten Effizienzschritt: Einen Gasspeicher wollen sie bauen, um den zu erwartenden Energieüberschuss in Zukunft sinnvoll zu nutzen – etwa für elektrisch betriebene Fahrzeuge.

Keine Frage: Die erreichten und noch angestrebten Ziele im Energiemanagement der Zentralkläranlage in Jena sind ein wertvoller regionaler Beitrag für die Umwelt. Und gleichzeitig der Beweis dafür, dass Klimaschutz und Wirtschaftlichkeit Hand in Hand gehen.

http://www.stadtwerke-jena.de